Die körperliche Stärke von Frauen liegt in ihrer erstaunlichen Anpassungsfähigkeit

Die körperliche Stärke von Frauen wird oft übersehen oder unterschätzt. Aktuelle Studien und neue Erkenntnisse zeigen aber, dass ihre Anpassungsfähigkeit — vor allem die metabolische Flexibilität — ein echter Vorteil sein kann, der langfristig für das Überleben der Menschheit bedeutsam sein könnte. Verschiedene Wissenschaftler*innen beschäftigen sich damit und untersuchen, wie Östrogene schützen können.
Ein Blick auf verborgene Stärken
Auf der Insel Oahu im Archipel von Hawaii trainiert eine Surferin mit einem Stein am Meeresboden, um sich auf unerwartete „Wipeouts“ (Stürze) vorzubereiten. Dieses Bild macht deutlich, wie anpassungsfähig Frauen in Extremsituationen sein können. Forschungen zeigen, dass Frauen von Natur aus oft eine höhere metabolische Flexibilität haben, was ihnen erlaubt, über lange Zeiträume relativ konstante Energie bereitzustellen.
Deborah Clegg, anerkannte Physiologin des Metabolismus und Professorin für Innere Medizin am Texas Tech University Health Sciences Center, erklärt, dass diese metabolische Anpassungsfähigkeit besonders bei Ausdauerbelastungen von Vorteil ist. Gemeinsam mit Biff Palmer, einem erfahrenen Nephrologen und Alpinisten, bestieg sie bereits 2013 den Kilimandscharo und später zahlreiche andere Gipfel — ein praktischer Beleg für ihre körperliche Stärke.
Miho Tanaka, Mannschaftsärztin des New England Revolution und des Boston Ballet, hebt die Bedeutung der Beweglichkeit hervor. „Beweglichkeit und die Fähigkeit, den vollen Bewegungsumfang der Gelenke zu nutzen, optimieren die Biomechanik der Gelenke. Das hat direkten Einfluss darauf, wie Athlet*innen Kraft erzeugen“, sagt Tanaka. Sie betont, dass die Fähigkeit, sich an unterschiedliche Beweglichkeitsanforderungen anzupassen, wichtig ist, um Verletzungsrisiken zu reduzieren — ein Thema, das etwa im Ski-Alpin-Sport eine Rolle spielt.
Was die Forschung dazu sagt
Studien aus dem Jahr 2014 zeigen, dass Östrogene helfen können, die negativen Folgen von großer Höhe zu mildern, indem sie den hypoxieinduzierbaren Faktor (Hypoxia-inducible Factor, HIF) beeinflussen. Das führt zu weniger Entzündungen, die sonst durch Sauerstoffmangel ausgelöst werden können. Frauen speichern Fett oft eher an Hüften und Oberschenkeln, was im Vergleich zu Männern (die tendenziell mehr Bauchfett ansetzen) mit einem geringeren Risiko für metabolische Krankheitsbilder verbunden ist.
Dabei zählt nicht nur die Fettverteilung. Die Fettzellen von Frauen sind sehr dehnbar und können sich ausdehnen, um überschüssige Fettsäuren und Kalorien aufzunehmen. Diese Elastizität ist besonders wichtig in Zeiten von Schwangerschaft und hormonellen Veränderungen. Ein weiterer Punkt: Nur 6 Prozent der Studien in der Sportmedizin beschäftigen sich ausschließlich mit Frauen — ein klares Signal für den Bedarf an geschlechtsspezifischer Forschung und Trainingsprogrammen.
Evolution und biologische Vorteile
Historisch legten weibliche Vorfahren jeden Tag 12 bis 16 Kilometer zurück, während sie Nahrung sammelten und gleichzeitig Schwangerschaften und Geburten bewältigten. Diese bemerkenswerte Anpassungsfähigkeit zieht sich durch Lebensphasen — von der ersten Menstruation über Schwangerschaft bis zur Menopause — ohne dass dauerhafte Schäden zurückbleiben.
Aktuelle Forschung baut darauf auf. Sophia Nimphius von der Edith Cowan University zeigt zum Beispiel, dass fehlende Beweglichkeit oft mit einem Verlust an Kraft gegen Ende von Bewegungszyklen zusammenhängt. Nimphius meint, dass Unterschiede im Verletzungsrisiko zwischen den Geschlechtern eher auf unterschiedliche Trainingsmethoden als auf reine biologische Unterschiede zurückzuführen sind.
Tanaka sieht außerdem großes Potenzial in der Integration von KI und maschinellem Lernen: Solche Technologien erlauben die Analyse großer Datensätze, um Verletzungen vorherzusagen und Trainingsprogramme individuell anzupassen. Das eröffnet Perspektiven für maßgeschneiderte Ansätze in der Sportmedizin.
Frauen, die historisch häufig als ‘die Schwächeren’ abgestempelt wurden, zeigen damit, dass vermeintliche Nachteile in Wahrheit Grundlagen für Überleben und Evolution sein können. Diese Erkenntnisse sind eine Einladung, die Rolle von Frauen in Wissenschaft und Sportmedizin weiter zu erforschen und zu fördern.